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Inhalt schafft Form



Inhalt schafft Form
Ein Versuch über Werner Pirchner
(1940-2001)

»Grenzgänger«. »Seiltänzer über E- und U-Musik-Welten«. »Wanderer zwischen den Stilen«. Irgendwie hinterlassen all diese oft strapazierten Stehsätze gerade im Hinblick auf Werner Pirchner einen schalen, unbefriedigenden Nachgeschmack. Auch wenn man den Tiroler Komponisten nicht persönlich gekannt hat: Sobald man sich in die Kompositionen vertieft, seine Vita Revue passieren lässt, Texte liest, entsteht der Eindruck eines Menschen, bei dem Person und künstlerische Arbeit, Leben und Denken, Form und Inhalt schlicht einen höheren Grad der Koinzidenz erreicht haben als bei anderen.

Vielleicht gerade deshalb, weil sich hier der Inhalt oft selbst seine Form schuf, schaffen musste, anstatt bestehende auszufüllen. Pirchner, der Autodidakt wider Willen, Pirchner, der Tiroler, Pirchner, der gesellschaftskritische Nonkonformist, Pirchner, der Grübler, der Perfektionist.

Auf seinen Partituren und Schallplatten ist alles Pirchner, vom ersten bis zum letzten Buchstaben, von der ersten bis zur letzten Zeichnung, von der ersten bis zur letzten Note.

Alles ist durchdrungen von einer pointenreichen und doch feinsinnigen kreativen Energie, die sich urwüchsig Bahn bricht und zu sinnlich-plastischen Gestalten gerinnt. Alles hat Bedeutung, nichts ist Zufall.

Keine Note scheint je überflüssig. Vielleicht hatte das alles ja bereits mit seinem Vater zu tun, einem überzeugten Gegner des Nationalsozialismus, einem auch in seiner Armut aufrechten Menschen mit kritischem Bewusstsein gegenüber Autoritäten. Vielleicht waren es auch die Umstände der Kriegsjahre, in die Werner Pirchner 1940 in Hall in Tirol hineingeboren wurde: Obwohl noch ein Kind, gruben sich ihn die Angst vor den NSDAP-Parteigängern, die Bombenangriffe, aber auch die mit Schlägen traktierten Zwangsarbeiter unauslöschlich in sein Gedächtnis ein – um sich Jahre später darüber zu wundern, wie ein erwachsener Mann, als er Bundespräsident wurde, all dies vergessen konnte.

Der Vater, der aus der Kriegsgefangenschaft eine Ziehharmonika mitbrachte, auf der auch der Sohn bald seine ersten Klänge herausquetschte, war nicht der einzige eigenwillige Geist in der Familie. Einer von Werners Onkeln dürfte zumindest in Tirol der einzige Bergbauer gewesen sein, der nicht nur einen Plattenspieler, sondern auch ein paar Scheiben mit Jazzmusik besaß. Das genügte.

Nur auf Wunsch der Mutter beendete Pirchner die vierjährige Schriftsetzer-Lehre, am Tag nach der Gesellenprüfung, im Juli 1958, hinterließ er seinen Eltern einen Zettel mit der lapidaren Erklärung: »Ich bin Musiker!« Für ihn war klar, dass er Jazz spielen wollte:»Swing war einfach etwas total Unmilitärisches, und das hat mir schon genügt, dass ich verliebt war in Swing«, wird Pirchner von Sonja Kirchmair zitiert.(1)

Noch 1959 legte sich der eigensinnige junge Mann ein – in alpenländischen Gefilden geradezu exotisches - Vibraphon zu. Daneben verdingte er sich als Bar-Pianist in Wien und München, 1963 kam er im Quartett Oscar Kleins, dessen Repertoire sich damals noch keineswegs auf Dixieland-Jazz beschränkte, zu seinem Platten-Debüt.

Das Konservatorium in Innsbruck blieb Pirchner verschlossen, also musste er seine Neugierde im Selbststudium stillen: Die Harmonielehre Schönbergs wurde ebenso durchgearbeitet wie die Schriften Adornos und Josef Matthias Hauers, John Cages Gedanken zur Stille waren ihm ebenso Inspiration wie die Violin-Sonaten Bachs, die Pirchners eigentliche Vibraphon-Schule darstellten. Thelonious Monk, Gil Evans, Bartòk, Bert Breit, Schubert, Kafka, Karl Valentin und Kurt Schwitters gab Pirchner später als Kompositionslehrer an. Seine tonsetzerische Initiation bedeutete die Filmmusik zu den Städteporträts von Henry Materna, die 1966 als »24 Deka Jazz-Lieder« die Nummer 1 des Werkverzeichnisses (PWV) bildeten.

Zum Texten hatte Pirchner damals bereits der Heimatfilm »Erherzogs Johanns große Liebe« angeregt, dessen Liedzeile »Wo das Büchserl knallt ...« sich in seinem Kopf assoziativ in den Versen »und das Bomberl fallt/unds Granaterl zwischtert/durch die Luft« fortpflanzte.

Es war der erste Baustein des berühmten »halben doppelalbums«, das Pirchner 1973 nach jahrelanger Arbeit notgedrungen im Selbstverlag publizierte. »Auf dea plattn sing i liada/für die brave burschoasie/für zivil- und schovinisten/kanzl- und militaristen/und für klerikale brüada/und vielleicht a poa für di« – schon der einleitende »Urolog« ließ den genialen Satiriker spüren, der sich in diesem seinem radikalsten gesellschaftskritischen Statement in bitterbösem Humor über Kirche, Krieg und Vaterland ausließ. Der legendäre Skandal, der der Platte Sende- und ihrem Urheber Hausverbot im ORF-Landesstudio in Innbruck bescherte, wurde ein Jahr später im gemeinsam mit Christian Berger produzierten Kurz(heimat)film »Der Untergang des Alpenlandes« prolongiert.

Die Bekanntschaft mit Gitarrist Harry Pepl verschob 1975 unerwartet die Arbeitsprioritäten. Schon bald schälte sich aus dem ursprünglichen Quartett »Hip Jargon« die legendäre Duo-Achse des »Jazz-Zwio« heraus, die vor allem in der ersten Hälfte der 80er Jahre internationale Erfolge feierte. Drei LPs - »Gegenwind« (1979), »Live in Montreux« (1981) und »Pirchner/Pepl/DeJohnette« (1982) - dokumentierten die wilde, ungezähmte Musik des kongenialen Tandems, das sich vorübergehend auch in anderen Formationen, etwa dem Quartett »Austria 3« oder »Vienna Art Orchestra« (Debüt-LP »Tango from Obango«, 1979) eingemeindet fand.

Seinen letzten Auftritt am Vibraphon bestritt Werner Pirchner 1988, drei Jahre nach der Auflösung des »Jazz-Zwio«, im Rahmen des Deutschen Jazz-Festivals Frankfurt mit Albert Mangelsdorff und Bass-Talent Robert Riegler.

Pirchner wollte sich auf seine neu definierte Rolle als Komponist konzentrieren, für die 1981, just am Höhepunkt seiner Jazz-Karriere unvermutet der Startschuss gefallen war: Der Tiroler Geiger Peter Lefor hatte ihn eines Tages darüber informiert, dass er für ein Konzert ein Solo-Violin-Stück Werner Pirchner auf’s Programm gesetzt hatte. Dieser hatte neben Film- und Hörspielmusik bislang nur für Ensembles wie die ORF-Bigband und die Eisenbahner-Musik (»Präludium und Fiasko«, 1977) komponiert und sah sich nun gezwungen, das zu tun, woran in der »Respekt vor den größten Meistern« bisher gehindert hatte: für dem klassischen Konzertsaal zu schreiben.

Die fulminante, dreisätzige Violinsonate »Good News from the Ziller Valley« war das Resultat, dem in rascher Folge weitere Stücke folgten: Der Pirchner-Klassiker »Do You Know Emperor Joe?« für Blechbläserquintett, jene Kaiser Joseph II. gewidmete Suite, in deren letzten Satz unter dem Motto »Die Donau ist blau – wer nicht?« der Donauwalzer lustvoll dekonstruiert wird, das »Streichquartett für Bläserquintett« oder auch die »Kammersymphonie Soiree Tyrolienne«.

Obwohl der beißende Sarkasmus des »halben doppelalbums« sowohl in den würzigen Titelgebungen als auch in der Musik weiterhin spürbar blieb, bedeuteten diese Opera für Werner Pirchner – zeit seines Lebens in Tirol, zuletzt in Thaur, wohnhaft – doch auch eine Art »Heimkehr«.

Unüberhörbar wirkten nun ironisierende Distanz zur und Respekt vor der gewachsenen volksmusikalischen
(Bläser-)Tradition ineinander. Obwohl oft eigentümlich gestaucht, zerknittert, verfremdet, in neoklassizistischer Manier dissonant illuminiert, war zu spüren, dass Pirchner die sinnlichen Qualitäten dieser Musik als Teil seiner Sozialisation erkannte. Mit dem augenzwinkernden Festhalten an der Tonalität reihte er sich zudem würdig in die Reihe der österreichischen Avantgardeverweigerer Zykan, Schwertsik, Eröd und HK Gruber ein.

Trotz starker Resonanz durch prominente Musikerschaften wie dem Bläserensemble der Wiener Philharmoniker, dem Ensemble »Kontrapunkte«, Ernst Kovacic und HK Gruber (der die »Kammersymphonie« auch mit dem »Ensemble modern« aufführte), brachte erst die Veröffentlichung der Kompositionen auf der Doppel-CD »EU« 1986 eine Entspannung der ökonomisch angespannten Situation Pirchners.

Bühnenmusiken für Burg-, Akademie- und Volkstheater folgten (»Emigranten-Symphonie«, »Shalom« etc.), weitere Kompositionen erschienen auf den CDs »A-naa-nas Ba-naa-nas« (mit »Vienna Brass«, 1992) und »Dur« (mit dem Schubert-Trio, 1995).

Die 90er Jahre brachten u. a. dank des – brillant gelösten - Kompositionsauftrags der Ö1-Signations, die im September 1994 auf Sendung gingen und den ehemals Verfemten zum meistgespielten Komponisten im ORF-Programm avancieren ließen, sowie der Musik zum Salzburger Festspiel-»Jedermann« (1995) publicityträchtige Ereignisse; für 2003 war die Uraufführung der auf ein eigenes Libretto komponierten Oper »Liebe, Glück und Politik« an der Wiener Volksoper geplant.

»Ich bin eigentlich eher kein 68er, ich bin ein Stückchen davor und ein Stückchen danach«, ließ Pirchner in einem Interview deutlich werden, dass er auch in seiner Gesellschaftskritik seinen eigenen Weg ging, von keiner Seite vereinnahmt werden wollte.(2)

Wie kaum ein anderer hat dieser Komponist Haltung gezeigt, sich in seinen Werken engagiert und konfrontationsfreudig gegeben. Mit dem Stilmittel des ihm eigenen Humors reflektierte Pirchner den Gang der Welt, sei es musikalisch, etwa anlässlich der Minderheitenfeststellung in Kärnten (»Keanten ungeteilt slowenenfrei«), oder verbal: Dass der Komponist die schwarz-blaue Koalition, die zur Zeit Österreich regiert, entschieden ablehnte, ist bekannt.

Über die Wirkung seiner Musik machte sich Pirchner freilich keine Illusionen, wie aus einem Kommentar zum Duo »Shalom« hervorgeht, dem er auf Ersuchen des Schubert-Trios und unter dem Eindruck des beginnenden Krieges in Jugoslawien eine dritte Stimme hinzufügte: »All dies ist sinnlos, machtlos, unnütz und lächerlich traurig. Weder in der ursprünglichen noch in der um ein Cello erweiterten Form kann das Stück etwas bewirken. Trotzdem ergibt es mehr Sinn als der Klang von Gewehren, Kanonen und Bomben.«(3)

Nichtsdestotrotz ist jene Haltung die wohl essenziellste Message, die uns Werner Pirchner, der in sich beispielhaft große und kleine Welt, Offenheit und Traditionsbezug vereinte, neben seiner Musik hinterlassen hat. Sätze wie den folgenden, abschließenden etwa sollte man sich gerade in diesen Zeiten genauer als sonst durch den Kopf gehen lassen: »Ich glaube, dass es wichtig ist für die Menschen, (...) mitzukriegen, was auf der Welt passiert. In jeder Weise, ob das eben in der Politik oder in der Ökologie oder in der Kultur ist. Ich glaube, jemand, der sich z. B. für Kunst interessiert, ist dann nicht mehr so leicht lenkbar.«(4)

Andreas Felber

Anmerkungen:
(1) Sonja Kirchmair: Werner Pirchner. Biographie und kommentiertes Werkverzeichnis eines Komponisten aus Tirol. Diplomarbeit an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Wien 1998; S. 33.

(2) Ö1-»Hörbilder«, 11. August 2001.

(3) Notiz des Komponisten zu »Shalom«, PWV 30c

(4) Ö1-»Hörbilder«, 11. August 2001.

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